paul vom hof: la paloma ist was anderes ...

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La Paloma ist was anderes

"Keine Haare am Sack, aber La-Paloma-pfeifen!"
Horst Schimanski

„Und Du, was machst Du mit Nazim Hikmet?“
Die Frage kam nicht wirklich unvermittelt. Ich hatte meinen türkischen Mitreisende Zafer zuvor gefragt, wie er auf „Die Lebensansichten des Katers Murr“ von E.T.A. Hoffmann als Reiselektüre komme. Zafer meinte, er schreibe und die Geschichte einer schreibenden Katze ginge über Romantik und Schelmenroman hinaus.
An den Fenstern des Bistrowagens zogen die Lichtpunkte vereinzelter fränkischer Dörfer und Marktflecken vorbei, und der Schaffner des Nachtzugs München-Hamburg hatte sich an den Tresen zurückgezogen, von wo er mit seinem Kollegen die ungewohnten Kunden dieses Billigangebots der Bahn AG bestaunte.
Ich musste bei der Frage nach Nazim Hikmet grinsen.
„Türkisch üben. Seit Jahren will ich es wieder auffrischen. Ich weiß, Lyrik aus den 30er Jahren ist nicht gerade Abbild der gebräuchlichen Sprache, aber in der Cumhürriyet verstehe ich kein Wort.“
Jetzt musste Zafer grinsen.
Wir hatten uns im hintersten Waggon kennen gelernt. Die Bahn hatte für ihr Sparangebot die alten Wägen aus den 80ern an die modernen Nachtzüge angekoppelt, aber dösen oder schlafen war mit fünf Personen pro Abteil unmöglich. Am Fenster sitzend, war uns die unterschiedliche Lektüre aufgefallen, wir verloren zunächst kein Wort darüber und beschlossen, im Bistrowagen das günstige Ticket durch die Apothekerpreise für Bier wieder zu relativieren.
„Auffrischen?“ Zafer wirkte überrascht.
„Ja, es ist wenig hängen geblieben.“
„Du warst mal da?“
„Ja, aber - on bes yil önce – vor fünfzehn Jahren“. Mit den Zahlen konnte ich noch restliche Sprachkenntnisse demonstrieren. „Im Osten!“
„Im Osten?“. Ich kannte die Frage. Die Himmelsrichtung war neutral und ich hatte nicht „Kurdistan“ gesagt.
„Für einen Menschenrechtsverein, du weißt.“
Ich beschloss, aus dem Thema rausgekommen zu sein, und fragte:
„Und was schreibst Du?“
Zafer zögerte.
„Eine längere Geschichte, einen Roman. Über einen Deutschen, der keiner ist. Er sieht anders aus und wird auch so behandelt. Er geht auf die Suche.“
„Du schreibst auf deutsch?“
„Natürlich, ich glaube auf türkisch könnte ich es gar nicht mehr.“ 
„Dann bist Du ein Türke, der keiner mehr ist?“
„Ja, und dabei die Suche abzuschließen. Nach fünf Jahren München merke ich, das ist nicht meine Stadt.“
„Na, ja, in München habe ich es auch immer nur Stunden ausgehalten. Du bist hier geboren?“
„Geboren schon, aber gleich wieder zurück ans schwarze Meer. Drei Tanten haben mich abwechselnd gesäugt, und bevor ich richtig sprechen konnte, war ich wieder in Frankfurt.“
Zafer machte eine Pause, ließ, was er gesagt hatte wirken und fragte dann: „Aber Du wirkst auch nicht wirklich zu Hause hier. Unterwegs?“
„Ich war auf einer Beerdigung, besser einer Einäscherung in Ingolstadt. Ein Freund von mir, der erste aus dem Jahrgang, ist an einem unbekannten Virus gestorben. Innerhalb von wenigen Wochen. Wir haben ihn verbrannt, die Asche soll nächste Woche in der Nordsee verstreut werden.“
„Das ist modern geworden, sich verbrennen zu lassen.“
„Ich glaube er ist Buddhist geworden.“
„Und jetzt, zurück nach Hamburg?“
„Auch nur zu Besuch. Danach will ich weiter nach Berlin und dann nach Bremerhaven - wegen der Seebestattung.“
„Das klingt nach Rundreise. Wo lebst du?“
„Gutmenschen-Existenz – in einem Flüchtlingscamp in Mazedonien. Für eine italienische Hilfsorganisation. Aber das ist vorbei. Ein Lager voll mit Roma und Ashkali, Zigeuner, die die Albaner 1999 aus dem Kosovo rausgeschmissen haben.“
„1999? Waren das nicht die Serben?“
„Nein, die NATO war längst einmarschiert, hieß schon KFOR und hat schlicht zugeschaut. Es waren Pogrome, was die Albaner veranstaltet haben, und dann der größte Exodus, den Zigeuner je vollzogen haben. Die Toten hat kaum einer gezählt.“
„Und jetzt - du hast gekündigt?“
„Ja, das ging nicht mehr. Die verwalten nur noch, und das tun sie schlecht. Das Thema wollte damals keiner haben. Der Krieg war gewonnen, die Bösen hießen Serben, die Guten kamen aus Europa und den USA. Aber ich will mich für eine neuen Job bewerben, Rückführung in die alten Siedlungsgebiete. Wir werden sehen.“

Hinter Kassel verkündete der Bistrotresen „last order“, wir vergeudeten weitere fünf Euro für schales Bier und wünschten der Servicekraft einen schönen Feierabend. In Hannover wechselte Zafer den Zug, er fuhr über Berlin nach Rostock weiter. Wir tauschten E-Mailadressen und hielten uns an die Konventionen von Reisebekanntschaften.

Ich staunte: In Hamburg erwartete mich Robert am Hauptbahnhof. Es war kurz nach fünf und er kam offensichtlich direkt aus der Kneipe. Er wirkte aufgedreht und feierte überschwänglich unser Wiedersehen, nach „all der Zeit“, wie er sagte. Gut sah er nicht aus. Zum Glück wollte er nicht zurück in die Kneipe, sondern wir nahmen die nächste S-Bahn zu seiner Wohnung am Fischmarkt. Dort angekommen, bestand er noch darauf, beim Türken vier Dosen Efes zu holen, und in seiner Wohnung beschwor er mit „Bad Religion“ und „Fugazi“ die alten Zeiten.
Gegen neun Uhr wirkten bei ihm die letzten Efes und ich konnte auf dem Sofa schlafen.  

Mit Robert war ich Anfang des Jahrtausends nach Istanbul gegangen. Er, weil er damals schon gerochen hatte, dass sich dort etwas Neues entwickelte, und ich hatte mich ein halbes Jahr verkrochen. Mangels anderer Ideen. War ja schon mal da gewesen.
Für Robert lief es gut. Die Clubs blühten auf, aus dem alten Jugoslawien und aus Osteuropa kamen junge und ungewohnte Klänge und die Istanbuler Szene entwickelte sich rasant zu einem der heißesten Orte der Region. Robert legte in mehreren Clubs auf und wuchs ins Management hinein. Ich gab nach sieben Monaten auf und bekam über einen Kroaten den Job bei den Italienern in Mazedonien. Das letzte, was ich von Robert gehört hatte, war, dass er zurück nach Deutschland wollte, weil er jetzt etwas ganz Großes vorhabe. Mit Musik und „international“, wie er am Telefon meinte.

Am Abend wollten wir noch einmal losziehen. Prinzenbar, um die Ecke auf dem Kiez. Das mit dem freien Eintritt wurde schwierig. Wir sollten etwas früher da sein, meinte Robert noch. Er kenne da eine Rabea, „tolle Frau“, und über die käme er immer rein. An der Kasse dann, wie ich es befürchtet hatte: Von besagter Rabea war nichts zu sehen und Robert erging sich in hilflosem Lachen und Beteuerungen “das sei alles mit Oben geklärt“. Mein Angebot, notfalls den Eintritt zu übernehmen, lehnte Robert mit großer Geste ab, eine Zigarette nahm er sich ungefragt aus der Schachtel, die er zuvor aus meiner Hemdtasche kramte. Jetzt begann das, was ich noch mehr befürchtet hatte: Robert brachte das Kosovo, und damit mich mit ins Spiel. Eigentlich hätte er wissen müssen, dass es auf St. Pauli ein paar sprachliche Tabus gibt, die mit dem ökonomischen Hintergrund von Prostitution zusammen hängen. „Kosovo“ gehört dazu. Zumindest seit der Schießerei im Puff in der Budapester Straße. Das war zwar auch schon zehn Jahre her, aber wir hatten uns damals noch gemeinsam darüber amüsiert, dass Hamburgs Privatsender plötzlich das Hohe Lied auf deutsche Zuhälter sangen, die nun von Albanern massakriert werden. Kurzum: Die Prinzenbar hat zwar nichts mit käuflicher Liebe zu tun, aber nach diesem Stichwort kamen wir nicht mehr rein.     

Wir verzogen uns in den Gun-Club in der Hopfenstraße. Nach der offensichtlichen Schlappe mit der „tollen Frau Rabea“, war Robert endlich runtergekommen und ich konnte ihn fragen, was aus seiner internationalen Musiksache geworden sei.
„Das lief erst super. Die Kuba-Welle war gegessen, Du kannst Dich erinnern, und dann wollten sie mit türkischem Pop auf den Markt. Hamburg und Berlin hatten sie sich vorgenommen. Das waren große Labels und mich haben sie nach Berlin geschickt. Das Ding hieß Simdi-Now, ja? Simdi, jetzt, ja? Simdi, klar? Keine Ahnung, warum das kein Schwein hören wollte.“
Ich erinnerte mich: Es begann mit Portugal. Die Saudade war in aller Freizeitbewusstsein. Die Sehnsucht aufs Meer hinaus zu fahren und das Heimweh, das zur Rückkehr drängt – in der Saudade sind sie gebündelt - bedingen sich gegenseitig. La Paloma war zu simpel. Der Fado kam, mit ihm hieß der Milchkaffee plötzlich Galao und wurde in Gläsern ausgeschenkt. Der Hinweis, dass dies auch in der Tschechei und in Ungarn üblich sei, ich habe es dort zumindest schon vor knapp 20 Jahren gesehen, stieß auf Unverständnis. Galao war Galao, Fado war Fado, klang nach mehr als Urlaub, und ewig Piazzolla zu hören, war selbst den Mädels am Empfang der New-Economy zu eintönig. Kokain, das in den norddeutschen Kopien südländischer Piazzas inzwischen auch unter Büroangestellten reißenden Absatz fand, vermochte daran auch nichts zu ändern. Als dann Kuba zum Magnet der Sehnsucht wurde, „Dos gardenias para ti“ in den kollektiven Musikschatz einsickerte, setzte sich selbst Hamburgs geschasster Innensenator Ronald Schill nach Havanna ab. Die Sehnsucht nach seiner Rückkehr hegen wohl nur noch Reisebüros.
Robert war wieder in Fahrt gekommen:
„Aber weißt du, ich kapier das nicht. Türkisch ist die zweithäufigste Muttersprache der Republik! In Berlin, im Wedding, gibt es Ecken, da fordern die Rentner inzwischen, dass Deutsch wieder Amtssprache wird. Aber keiner ist auf den Zug aufgesprungen.“
Er machte eine Pause, die ich schweigend abwartete. Kleinlaut fuhr er fort.
„Ok, ich gebe zu, der Versuch, den Buena-vista-Social-Club zu klonen, musste schief gehen. Die haben in der Türkei ja keine Rentner, die Musik machen, mit der die Leute hier was anfangen können. Aber wir hatten Tarkan dabei und Demirkan, und eine ganze Woche türkischen Film in der Berliner Mitte. Und nichts ist passiert. Also auf der deutschen Konsumentenseite.“
Jetzt war er am Ende. Er schweig und nestelte am Etikett seiner Bierflasche.
„Und was machst Du jetzt in wieder in Hamburg?“, fragte ich.
„Kundenbetreuung, telefonisch und ...“, er suchte ein Wort. „Aktiv - Na ja, Call-Center halt!“
Wir beschlossen den Abend im selben Laden, ich traf keine weiteren Bekannten und entschied, schon am nächsten Morgen nach Berlin weiterzufahren.

Robert lieh mir seinen Fiat Triumph, den er sich kaum noch leisten konnte. Ich würde von Berlin ohnehin über Hamburg nach Bremerhaven zu Thorstens Seebestattung fahren, und Robert erhoffte sich wohl einen gefüllten Tank bei meiner Rückkehr. Am Dammtor bemerkte ich zumindest, dass die Tanknadel nicht fehlte, sondern nur hinter der Leermarkierung verschwunden war.
Kurz hatte ich mit dem Gedanken gespielt, Robert in die Hauptstadt mitzunehmen, ihm zumindest zu sagen, dass Hamburg ihm auf Dauer nicht bekomme. Dass er auf dem Prenzlauer Berg genau so schnell eine Kneipe finden würde, wo sie ihn für verkannt aber genial halten würden, war mir klar, und mit dem Eso-Quatsch, dass man seine Probleme immer mitnimmt, wollte ich ihm nicht kommen. Aber ich wollte alleine unterwegs sein. Ich war auf Reise und wollte mich nicht mit Ballast abgeben. Ich hatte Robert gegenüber allgemein von Veränderungen gesprochen, die ich ihm anraten würde. Das musste reichen. Er würde in der Stadt bleiben, vielleicht eines dusseligen Todes sterben, worunter ich auch eine Leberzirrhose mit einbeziehe. Mit einer passend dusseligen Frau würde er vielleicht noch ein paar Kinder zeugen, sie würde nicht auf Dauer dusselig bleiben, und er würde die Alimente nicht zahlen können. Doch, ich wünschte meinem Freund Robert viel Glück, aber es war nicht mein Job, ihm Hoffnungen zu machen - schon gar keine falschen.

Am Alsterufer kam die Sonne raus. Segel auf dem Wasser in strahlendem Blau, Menschen mit anderem sozialen Hintergrund zogen bei frischer Prise an Bootsleinen, halsten und fierten ihre Segelboote durch glitzerndes Wasser. Hamburg jagte mich mit Kaiserwetter aus der Stadt.

In Berlin wollte ich Bertha besuchen. Ihre neue Adresse hatte mir Robert mitgegeben. Aus Friedrichshain sei sie weg, in der Brunnenstraße wohne sie jetzt, Mitte oder schon Wedding. Es war Wedding, der alte Westen, aber den Hinterhof zu finden war ähnlich schwierig, wie Anfang der 90er im Osten.
Wir begrüßten uns still, ich hatte zuvor angerufen, drei Tage wollte ich in Berlin bleiben und sie hatte keine Einwände.
Bertha hatte in Hamburg noch versucht, mit Atelier und Arbeit ans Wasser zurückzukehren, aber auch der bescheidensten Entwurf, der Stadt in ihrer Geburtsgeschichte entgegenzukommen, war nicht finanzierbar. Jetzt arbeitete sie als Übersetzerin ins Spanische. Drei Tage in der Woche genügten für die Miete. Der Rest blieb für die Kunst. Berlin war noch immer günstig und ihre Wohnküche gemütlich.
Auf die beiläufige Frage: „Und, was macht die Kunst – hungert?“, bekam ich eine entspanntere Reaktion als zuvor in Hamburg. 
„Läuft ganz gut. Ich hatte mich kurz mit der Kulturbehörde eingelassen -Quartiersmanagement und so. Aber inzwischen machen die Lachjoga und Feng Shui im Jugendknast. Und im alten Osten bauen sie sich ihre Gettos selbst. Welcher hier geborene Araber oder Türke traut sich denn bei Tag nach Prenzlauer Berg? Das sind kulturelle Ausnahmezonen, ein Bekannter nennt sie inzwischen Eurasier-Viertel. Die alte Bürgerrechtsbewegung ist längst weg. Weiß nicht kriegen die jetzt alle ALG II in Hohenschönhausen, oder wo sind die hin?“
"Und was ist mit uns Christa Weiss, Staatsministerin für Kultur?“
Die Frage war fies und gezielt. Ich wusste, dass Bertha Anfang der 90er
Jahre das Büro der damaligen Hamburger Kultursenatorin Weiss besetzt hatte, weil diese die von Roma besetzte KZ-Gedenkstätte Neuengamme hatte räumen lassen. Damals war sie erstaunt zurückgekommen. Mit Christa Weiss könne man reden, meinte sie, wenn sich auch an den Fakten nichts geändert habe.
„An Christa kommst Du doch nicht ran. Die hat ihren Kulturfond, was ich höre, gibt das Sinn, aber der Rest macht hier auf Kindergeburtstag. Kannst du Dir das vorstellen: Lachjoga und Feng Shui im Jugendknast?“
„Jonny Cash live in San Quentin?“
„Da gab´s ja zumindest fast eine Rebellion.“
„Aber wenn die Kulturbehörde zahlt – besser als Call-Center, so wie Robert.“
Bertha erschrak, drehte sich vom Fenster weg und schaute mich an.
„Ist er inzwischen soweit?“
„Hier in Berlin ist er mit seiner Türk-Pop-Geschichte ja gescheitert. Hast Du das damals mitgekriegt?“
Bertha überlegte kurz.
„Ja, er war auch kurz mit einer Frau zusammen, Ton-Studio-Szene. Hat aber nicht lange gehalten. Weißt Du, ich glaube diese Stadt verlangt das so! Wäre bedenklich gewesen, wenn es ihm anders gegangen wäre. Männer, die nach Berlin ziehen, verlieren an der Stadtgrenze offensichtlich jeden Sexappeal. Zumindest ihre Attraktivität, ihren Beschützer-, Ernährer- oder Ich-hab-Erfolg-und-erklär-Dir-die-Welt-Nimbus. Das Alles tauschen sie bei der Abfahrt vom Avus gegen eine Form von Naivität ein, die Frauen schlechter ertragen als Bierbäuche, Alkoholismus und Seitensprungs-Gonokokken.“
Ich verzichtete darauf, mir Roberts Berliner Zeit im Detail vorzustellen.
„Was macht eigentlich dein Schweißerschein?“.
Bertha stand vor ihrem Küchenbuffet und zerkleinerte Tomaten und Zwiebeln. Unter ihrer Bluse zeichneten sich ihre ungefassten Brüste ab, der Gürtel ihrer Jeans umspannte nachlässig ihr Becken und mir schossen Erinnerungen an ihre Blaumann-Kluft durch den Kopf. Damals war es der Geruch von geschmolzenem Metall und verbranntem Gas, die Schutzbrille auf dem lachenden und verschwitzten Gesicht und  ich habe mich mehr als einmal im Geschmack ihrer Haut unter dem blauen Overall verloren – Werkbank-Phantasien.
„Das Schweißen?“ Bertha  ging ins Nebenzimmer und kam mit einer Mappe zurück. Ich kannte ihre Versuche, das eigene Schaffen zu dokumentieren noch aus Hamburg. Meist waren es abgegriffene Papp-Bögen. Sie hatte darauf mit liebevoller, aber unter den Fingern vieler Betrachter verblichener, Handschrift kommentiert, was es darstelle und wie es gemeint sei. Den Titel hatte sie meist winzig am Fuß der Seite notiert. Jetzt präsentierte sie mir laminierte Tafeln, Beschreibung und prosaischer Kommentar fanden, im Satz getrennt, im Layout wieder zusammen, und ich musste mich nicht meiner privaten Bekanntschaft zur Künstlerin bemühen, um zu verstehen, worum es ging. Die Polaroids sprachen für sich. In hellem Sonnenschein standen und lagen Telefonzellen auf einer städtischen Wiese herum, meist im vertrauten Telekom-Gelb der 80er-Jahre, lagen übereinander, kopulierten mit offenen Türen, andere Pärchen neigten sich in entgegensetzter Richtung, schwiegen sich offensichtlich an, und mit ganzen Schwadronen von Mobiltelefonen, hatte Bertha ein Scharmützel nachgestellt. „Emser Depesche post Srebrenica – Mr. Boutros-Gahli is aktually not available“, so der Titel.  

Bertha kam mit zur Seebestattung nach Bremerhaven. Sie hatte Thorsten einmal getroffen, als er in Hamburg zu Besuch war. Es muss Frühling gewesen sein, wir waren zum Osterfeuer an der Elbe.
Ein Touristenkutter wartete am Hafen und knapp 20 Leute waren gekommen. Seine Frau war da mit Kind, seine Eltern, ein paar Ingolstädter Freunde. Wir fuhren hinaus, internationale Gewässer sollten es sein. Als dann die Urne geöffnet wurde, wehte plötzlich eine Bö die weiß-graue Asche vom Schiff aufs Meer hinaus. Bertha und ich standen an der Reling, sie lehnte leicht an meiner Seite, und mir war ganz kurz nach La-Paloma-Pfeifen. 



       

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