paul vom hof: „wir sind keine eichhörnchen“

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Dienstag, 26.Oktober.2004

„Wir sind keine Eichhörnchen“

Willy Brand soll auch schon hier gewesen sein. Eine legendäre Party, so der Geschäftsführer der Kulturfabrik Osloer Straße. Einige Bilder gäbe es noch im Eingangsbereich. Er betont weiter, er freue sich wieder eine SPD-Veranstaltung im Berliner Wedding ankündigen zu können. Das Viertel als „Problemkiez“ – soweit das Thema. Auf dem Podium: eine Stadtentwicklungssenatorin, ein Sozialstadtrat, das Quartiersmanagement und ein Moderator der Partei. Im Publikum: Bewohner des Soldiner Kiez´, Rentner, Hartz IV-Gegner – es riecht etwas streng. Vertreter der türkischen und arabischen Gemeinden seien angeschrieben worden, die Reaktion war mehr als zurückhaltend. Man ist unter sich.

Zunächst erklärt das Podium die Welt. Der Quartiersmanager verweist auf die Bevölkerungszusammensetzung und auf den Arbeitsmarkt. Seine Institution könne da auch nichts machen. Mit „Ich bin der letzte Deutsche“ überblickt er zumindest an diesem Abend nicht ganz die Situation, schätzt aber die Rolle des Quartiersmanagement weiter erfolgreich ein. Der Sozialstadtrat ist sich seiner Sache ähnlich sicher: Die Analyse sei „schnell gemacht“, er habe nicht nur eigene Erfahrungen sondern auch „das größte Sozialamt Deutschlands“. Und im Kern sei das alles ein „soziales Problem“.

Als die Senatorin auf die Finanzierung zu sprechen kommt, wird erster Protest aus dem Arme-Leute-Viertel hörbar. Die Situation scheint mehr als ernst. „Es ziehen ja schon die ausländischen Familien weg, sobald sie etwas mehr Geld haben“, so die Einschätzung. Die Senatorin gipfelt in der Frage, wie man mit Menschen umgehen soll, die hier besser nicht wohnen sollen". Der Unmut geht jetzt über halblaute Zwischenrufe zu vermeintlicher „Unterschlagung“ und Ähnlichem hinaus und endet in der Frage, ob das hier „eine Talkshow“ sei. Die im Publikum anwesenden SPD-Genossen enthalten sich jeder Parteidisziplin und die One-Way-Kommunikation scheint zu Ende.

Die Rentner kommen mit der Forderung nach Zwangssprachkursen. Ein ältere Dame formuliert vorsichtig: Deutsch solle „wieder Amtssprache werden“, ihr Lebensgefährte wird im Ton markanter: „Integration oder Entzug der Aufenthaltsgenehmigung!“ Der Protest aus den ver.di-Reihen, man sein doch nicht „bei die Nazis“, bleibt alleine, die Rentner klatschen, nichtdeutsche Weddinger sind kaum anwesend. Ein junger Mann meldet sich zu Wort und entpuppt sich als Polizeibeamter, der schon vor Jahren weggezogen ist. Die einzige Veränderung, die ihm in seiner Zeit im Viertel aufgefallen sei, war eine neu eingerichtete Einbahnstraße. Positiv sei das gewesen, er sei schneller zum Parkplatz gekommen.
Der Kiez, das wird deutlich, ordnet sich nach Straßen, bildet Subkulturen, die zwischen Stettiner und Koloniestraße höchst unterschiedlich schillern. Während die Rentner sich langfristig darauf beschränken, bei den „Zwang-zur-deutschen-Sprache-Wünschen“ zu applaudieren, formulieren die Jüngeren harsche Kritik an der Praxis des Quartiersmanagements. Mit wem sprächen die Leute vom QM eigentlich, es gäbe mehr Zwist seit der QM-Tätigkeit, das ganze sei eine „Geldvernichtungsmaschine“, und habe „überhaupt kein Konzept“. Dass der Chef des QM, wie in der Vorstellung lobend erwähnt, dereinst auf der Universität Arabisch gelernt hat, kommt ihm hier wenig zu Gute.

Jetzt kommt der Stadtrat auf die Drogen. Zu sprechen natürlich. Unterm Strich seien das „arme, kranke Menschen“. Eine 70-Jährige gibt ihm recht, und beteuert, es störe sie, auch wenn sie selbst keine Drogen nähme. Der Drogenkonsumraum, den der Stadtrat als Erfolg deklariert, vermag sie wenig zu trösten, vor dem „bilateralen Vorgehen“, das der Moderator daraufhin propagiert, verstummt sie jedoch. Nicht so der Rest des Grauen Blocks. Was Linguisten freuen könnte, hier wird es zur permanenten Keule: Die Frage nach der Sprache, der deutschen natürlich, und deren geforderte Kopplung an das Recht auf Aufenthalt wird zum zentralen Argument der ehemaligen Wirtschaftsverwunderten. Die Emotionen gehen hoch und vom Konzept des Podiums scheint wenig übrig. Dann doch noch eine Wortmeldung der anderen Seite: Ein Streetworker türkischer Abstammung bemerkt offensichtlich frustriert, der Abend habe ihm wenig Zuversicht gebracht. Es zeige sich eher, dass sich „keinerlei Sensibilisierung“ eingestellt habe.

Ein SPD-Genosse aus dem Viertel, der den Sozialstadtrat nun schon mehrmals erfolglos gefragt hat, seit wann der denn im Wedding präsent sei, bemerkt final: „Wir sind keine Eichhörnchen, wir sind Weddinger!“ Sozialstadtrat Hanke nimmt den Einwand ernst. Nein, kein Versuchslabor vermutet er hier im Norden Berlins, die Situation gleiche der eines „Asylantenheims“. Derart belehrt verlasse auch ich das sich auflösende Plenum und nehme mir noch die SPD-CD zum europäischen Parlament mit: Ein Computerspiel mit dem sinnigen Titel „Free Hoppel!“. Hoppel ist auch kein Eichhörnchen, sondern ein durch´s Spiel führender Hase, der mir die Geheimnisse sozialdemokratischer Politik im europäischen Parlament nahe legt.

Posted by: http://paulvomhof.blogspot.com/ / 1:53 PM (0) comments
    

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