paul vom hof: managua. aus reichlicher entfernung

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Hühner. Braune, gackernde Hühner. In ihren Kopfbewegungen, ihrem stelzbeinigen Gang ähneln sie den ersten Stummfilmstars, nickend und von Zeit zu Zeit aufeinander einhackend. So stell ich mir Havanna vor. Und Managua. Ganz zu Schweigen von Matagalpa. 

Vielleicht sehe ich die Ding zu einfach. Natürlich sind da noch alte US-Karossen in Havanna, mondän und mit tröstlichen Lack- und Blechschäden, Pick-ups und japanische Kleinlaster mit Kindern und Säcken auf der Ladefläche, weiße Häuser, Straßenkinder und -händler und überhaupt Menschenmassen. Aber der einzige verlässliche Augenzeugenbericht, an den ich mich entsinnen kann, beschränkte sich auf Hühner. Unmengen von Hühnern und demzufolge auch Eiern und Hühnerfleisch. Zu jeder Mahlzeit.

Die restlichen Bilder, die ich mit diesen Flecken zwischen Atlantik, Pazifik und mexikanischer Grenze verbinde, kenne ich nur von Nachrichtensendungen und aus dem ein oder anderen Buch. 

War Hemingway je in Managua? Dass sich das Spanische und sein unrasiertes Gesicht gut miteinander verbinden lassen, ist bekannt. Kubanischer Rum, der sich - der glasigen Augen wegen -  nicht mehr vom Whisky Bukowskis unterscheiden ließe, das wäre stimmig. Aber Managua?

Während ich in die Rentzelstraße einbiege, versuche ich, von den Hühnern wegzukommen und mir Havanna vorzustellen. Ich begehe den Fehler "El pueblo unido" vor mich hinzusummen - ich begehe ihn oft - lande in Santiago de Chile und finde mich beim nächsten Schritt in Dresden wieder, wo der Salvador-Allende-Platz mitten in der Stadt untergebracht wurde. Nicht wie hier am universitären Ort der ungenutzten Narrenfreiheit.

Allende und die Einschusslöcher auf dem Buchdeckel seiner Tochter. Auch auf einem Buchdeckel habe ich zum ersten Mal den Schattenriss Sandinos gesehen. Gandhi soll bei seinem Tod geweint haben. Ich sehe den kleinen General mit dem breitkrempigen Hut beim Lesen in Mexiko, später in den Bergwerken, dann Ocotal, Jahre noch vor Guernica. 

Hemingway und der kleine General? Der Krieg war wohl nicht groß genug, und zwischen den Vulkankratern Nicaraguas hätten sie es nicht zugelassen, dass gerade eine Gringo die Revolution in der Literatur ausruft.  Der General war zu klein, und selbst Ortega hätte sich später in einer Shortstory nicht unterbringen lassen.  

Nein, Hemingway war wohl nie in Managua. Ganz zu Schweigen von Matagalpa. Zu weich sind die indianischen Namen. Er hätte sie mit seinen Bartstoppeln nur zerkratzen können. Und ich bin mir sicher: Der Brandy-Geruch aus seinem Mund hätte sie verscheucht - die nicaraguanischen Hühner.

Der kleine, von Betonplatten umrissene Teich auf dem Unigelände ist zugefroren. Ein paar Möwen trägt das Eis schon und die Drehtüren speien und verschlucken taschentragende Mäntel. 

Ich stelle mir vor: Im zehnten Stock wird gerade über Imperialismus, Guerilla und die Solidarität in den Metropolen diskutiert. Wenngleich ich dort schon ähnliche Plakate gesehen habe, gebe ich den Gedanken auf - nicht ohne mich im eigenen revolutionären Gedankengut zu sonnen - und springe in eine freiwerdende Kammer der Drehtür.

Ich sitze, schreibe und der Blick schweift über Hamburgs wilden Osten.

"Inhaltlich schwer zu Gange? Ihr macht heute Plenums-Vorbereitung?"
"Nein, eine Freundin fährt nach Nicaragua, das heißt eigentlich nach Kuba, und wir bauen an einem Abschiedsgeschenk."
"Na ja, Kuba. Lange hält sich das wohl auch nicht mehr."
"Ich weiß nicht, mir fallen nur Hühner ein."
" -?- "
"Nicaraguanische Hühner!"
"Na ja, wir sehen uns dann im Plenum!"

Es sind Hühner, an die ich denken muss, kommt das Gespräch auf Havanna. Oder auf Managua. Ganz zu Schweigen von Matagalpa. Wahrscheinlich gibt es dort gar keine.

21-1-92

       

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