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Wie ich fast einmal Wladimir Kaminer getroffen hätte

oder
Viva la Projeccion!

Ulrich Tukur kam weit nach elf aufgeregt in die Fotoprobe gestürmt. Normalerweise sah ich ihn schon im 115er-Bus Bus auf dem Weg zu den Kammerspielen in der Schlüterstraße. Tukur war zu spät und empört: Die Polizei sei morgens da gewesen, wegen „Kleiner Kinder, könnt Ihr Euch das vorstellen, wegen kleiner Kinder!“. Aus der Nachbarschaft sei ein Hinweis auf vermeintlich Sitten- und Gesetzeswidriges eingegangen. Er bewohnte zu dieser Zeit mit seiner dünnen Frau einen komfortablen Garten-Pavillon im Hinterhof des Hauses, in dessen Souterrain-Laden ich mich eingemietet hatte. Zu seiner Nachbarschaft konnte ich mich also zählen, hoffte allerdings, dass er das gerade jetzt nicht tat. Mathias Beltz, der nun auch schon 20 Minuten auf den noch frisch inthronisierten Theaterchef Tukur gewartet hatte, überging das mit den kleinen Kindern und meinte, bei ihm seien sie einen Tag zuvor auch gewesen. Tukur fragte verdutzt weswegen, und Beltz meinte erklärungskarg nur „Na, wie immer!“. Als vor kurzem auf arte in ein einem Sartre-Porträt der Besuch des Philosophen bei Andreas Baader in Stammheim zwischengeschnitten wurde, fiel mir der Fahrer Sartres auf, der ein paar Jahre später in Frankreich untertauchte. Es soll eine Packung Tempotaschentücher und ein gediegenes Porno gewesen sein, die Mathias Beltz ihm mit auf den Weg gegeben hat – als Umschreibung der politischen Verfassung des Ex-Genossen. Und wenn Beltz nun Ende der 90er Jahre morgendlichen Besuch von den Organen bekommt, hat es nichts mit kleinen Kindern zu tun – auch was Schönes. 

Vor dem schon erwähnten Souterrain-Laden schlurfte rund zweimal die Woche Irmgard Möller mit Penny-Tüten an den Schaufenstern vorbei. Nichts wirklich Weltbewegendes, aber ich war inzwischen erleichtert darüber, sie überhaupt zu erkennen. Geraume Zeit zuvor war mir auf einer Pressekonferenz beim Hereinkommen dreier Frauen spontan die Frage durch den Kopf gegangen, warum diese linken Frauen über vierzig immer nach zehn Jahren Knast aussehen – ein zweiter Blick erwies: es waren über 15 davon und spontane Gedanken sind oft nicht der Rede wert. 

Ich kenne die Proteste meine angebliche Prominenz-Besessenheit betreffend. Dabei habe ich mich längst daran gewöhnt, auch an den öffentlichsten Orten einer Medienhauptstadt keine jener Traumgestalten zu erkennen, die sich unters gemeine Volk wagen. Abgesehen von Dalia Lavi und den ersten feuchten Träumen meiner Kindheit, die mit ihrer Stimme und mehr noch dem Foto auf der Wim-Thoelke-Schlagerplatte verknüpft waren, kenne ich wenig Ansätze der Hingabe an den Olymp der Unterhaltungsindustrie. Meinen Freund Uli brachte ich allerdings dazu, sich auf eigene Begegnungen mit der bunten Führungskaste zu besinnen. Sowohl Hark Bohm als auch Helmut Qualtinger, gab Uli zu, seien ihm schon auf den Fuß getreten. Und beide haben es auf dem Münchner Hauptbahnhof getan. Seit der Schilderung meines Zusammentreffens mit Hark Bohm kann Uli dieser angedeuteten Körperverletzung aus den Kreisen der Projektion etwas Eigenständiges, sagen wir Metakitschiges abgewinnen. 

Autogrammjäger? Nein, nie gewesen! Helmut Kohl habe ich mal die Hand gedrückt. Fünf muss ich gewesen sein, und er war noch Landesvater in Rheinland-Pfalz. Mit Willy Brand habe ich ihn verwechselt, der guckte nämlich von den Wahlplakaten der Regierenden. Und den kannte ich aus dem Fernsehen. Mein Vertrauen in die Wahrhaftigkeit der Bilder war wohl schon derzeit stark geschädigt. Mein fränkischer Großvater, dem die CSU zum 80ten mit einem Franz-Josef-Strauß-Bildband gratulierte, hat sogar mit Kohl gesprochen. Noch Jahre später hat er uns über diese Unionsgespräche mit flachen Hierarchien unterrichtet. Meine Enttäuschung darüber, dass der große, dicke Mann in seiner Rede dann ganz anders klang, als Willy Brand, dass er eigentlich gar nicht wirklich sprechen konnte, wurde durch seine Autogrammkarte nur noch verstärkt. Die Tinte der Unterschrift verschmierte in meinen sommerlichen Händen und Helmut Kohl hat diesen Anschein schlechter Qualität in meiner Sicht der Dinge nie überwunden. 

Kurz zuvor hatte ich bei Heiner Müller das Fahrrad Fahren gelernt. Mit einem aufrecht montierten Besenstiel an der Sattelstange manövrierte er mich über vorderpfälzische Feldwege und suchte sich die komfortabelsten aller Entwässerungsgräben aus, um mir die einschneidenden Folgen von Temporausch und Tunnelblick nahe zu legen. Heiner Müller war Schrankenwärter im Ruhestand. Wie man Hühner, Gänse und Kaninchen schlachtet, habe ich auch bei Heiner Müller gesehen – Keine Schule fürs Leben, aber mehr als ein halbes Jahre vegane Herrschaftsdiskussion hat mir das Wissen um Blut und Federn später nicht eingebracht. Wenn er sich auch in den 80er-Jahren nach einem, aus seiner Sicht verlorenen, Fußballspiel im eignen Treppenhaus erhängt hat, dank Heiner Müller musste ich mich nie mit quietschenden Kunststoff-Stützrädern auf der Straße sehen lassen.

Bei Westernhagen war es anders. Feierabend als Delikatessen-Lieferant im noblen Hamburg-Winterhude, das Fahrradschloss klemmt und im Augenwinkel trippelt eine attraktive junge Dame mit dunkler Hautfarbe quer über die Kreuzung Blumen- und Marie-Luisen-Straße. Der straßenbildinterne Rassismus der besseren Hamburger Viertel – sie nennen es wohl Verhaltens-Kodex – sieht dergleichen eigentlich nicht vor. Afrikanische Frauen zumindest überqueren die Straßen stets an der grünen Ampel und halten sich auf ihrem weiteren Weg nonnengleich entlang der Häuserwände. Als Hausangestellte waren sie gerade in Mode gekommen und wir trafen uns regelmäßig morgens, wenn wir auf St. Pauli in´s gleiche urbane Loch hinabstiegen, um, unter der Alster hindurchgeschossen, aus einem anderen Loch wieder herauszusteigen. Der ungewohnte Weg der jungen Frau und ihr ungenierter Blick ins Schaufenster von Kruizengas Feinkost-Laden ließen mich schlussfolgern: „Diplomatentochter, oder Frau Westernhagen.“ Es kann nicht lange gedauert haben, bis von der gleichen Ecke her ein dünner Mann, sagen wir ein Hemd, über die Straße gehoppelt kam. Marius hat deutlich und freundlich gegrinst. Gewohnt, am Kühlregal gelegentlich auch Inge Meysel fast über den Haufen zu rennen – „Sie sind aber groß, junger Mann!“ -, besann ich mich diskret auf mein Fahrradschloss. 

Wen sonst noch? Gerd Fröbe mal im Zug. An den Schließfächern des Provinzbahnhofs hatte ich ihn noch für einen Clochard mit Fröbe-Statur gehalten, der mit Fröbe-Stimme eine Fahrkarte erster Klasse nach Nürnberg bestellt, um sich dann mit anderen Reisenden über Fröbe-Filme zu unterhalten. Und bei der Tony-Marshall-Show war es ein Mann mit extremer Ähnlichkeit zu einem aus Cuba stammendem Schlägersänger, der mir, frisch am Set angekommen auf die Schulter tippte und lächelnd fragte „Ist der Toni auch da?“. Kurz zuvor hatte ich den, ebenfalls zur großen Samstagabend-Show angereisten, Doppelgängern von Steffi Graf, Michal Jackson, der Queen und Boris Becker den Weg in die Gardarobe gezeigt. Meine Antwort: „Nein, aber die Doubles sind da hinten rechts“ stieß bei dem Mann, der Roberto Blanko so frappant ähnlich sah, zum Glück nur auf Unverständnis – ich behielt den Job als Kabelträger. Von Tony Marschall, der später am Hoteltresen im sturzbetrunkenen Versuch, jiddisches Liedgut zu intonieren, bei „Hava Nagila“ bauchlandete, schweige ich lieber. Die ebenfalls anwesende Catharina Valente beschränkte sich auch auf dezentes Kopfschütteln. Sie kannten sich wohl schon länger.

Es scheint dieser faszinierende Moment zu sein, wenn die gesellschaftlichen Projektionsflächen über das altbekannte und oft zitierte Ganz-Normaaal-Sein hinaus eigenständige Formen gewinnen und den Ausbruch wagen. Ich erinnere mich an die beiden bei der taz-Hamburg per Telefon gewonnen Karten zu „Drei Farben Blau“. Das Kino in den Zeise-Hallen mit angeschlossener Filmhochschule von Hark Bohm und der Kameramann von Kieslowski war als Gast angekündigt. Sonntag Vormittag um elf, die Liebste wollte weiterschlafen und ich war auch zehn Minuten zu spät. Werbung gab´s nicht und mit der Frage, ob ich noch reinkönne, zog ich mir die soziale Ächtung der elitärsten aller Hamburger Kinokartenverkäufer zu. Der Beschluss, dann bis zum Ende des Filmes zu warten, um Kieslowskis Kameramann doch noch im Gespräch mit Hark Bohms Studentenschar zu erleben, rief ähnliche Verachtung hervor, wurde aber geduldet. Nach mehreren Kaffees stand ich wieder vor der Tür des Vorführraums, wartete und erhielt plötzlich Gesellschaft von einem kleineren, leicht korpulenten Mann in Jeans und kariertem Hemd. Ja, er sei auch zu spät gekommen, warte jetzt auch, aber er kenne den Film bereits, meinte er mit osteuropäischem Akzent. Ich verwies beteuernd auf eine Videoaufnahme, die ich gesehen hätte, und er meinte, das sei auch besser gewesen, die Projektion hier im Zeise-Kino, sei nicht die beste, das Blau sähe hier ganz anders aus. Kurz gesagt: Ich hab´s nicht gemerkt. Als dann endlich Hark Bohm und Küken aus dem Kinosaal kamen, den Herrn im Karohemd überschwänglich begrüßten und sich ins Filmhaus begaben, klärte sich auch für mich Einiges. Die vernichtenden Kommentare dort, alle im Tenor „Was macht ihr auf einer Filmhochschule, hier lernt ihr doch nichts“, verhalfen Hark Bohm zu einem noch krummeren Rücken, einem noch schmäleren Gesicht und mir zu einem fröhlichen, restlichen Sonntag. 

Ins Café Burger hat uns Titanic-Chef Sonneborn geschleppt. Ich war neu in der Hauptstadt, oben schon erwähnter Freund Uli. hatte mich bei einem als „Bierdosen-Trinken-und Kicker-Spielen“ getarnten Thinktank arbeitsloser Journalisten im Keller der PDS bei der Volksbühne akkreditiert und nach der schon im Wedding begonnenen Alkoholzufuhr, verfiel ich bei der Ankündigung, jetzt noch bei der Russendisko vorbeizuschauen, in den bekannten Kaminer-Tonfall, wonach „Immer, wenn die Deutschen zu viel getrunken haben, fangen sie an zu tanzen und Kahlinka zu singen. Ich habe nichts gegen die Deutschen, aber meine Kahlinka kriegen sie nicht!“ Im Burger angekommen, verlor ich zunächst die Orientierung, wie ich es sonst nur von Karstadt kenne, verglich den vorgefundenen Kindergeburtstag abschätzig mit den Hamburger Datscha-Parties, fragte intensiv nach „meiner Bezugsgruppe“ und blieb dem Tonfall treu, bis mich Sonneborn ernst anschaute und meinte „Er ist eben hinter dir vorbeigegangen und hat ganz komisch geschaut.“ Mein Erstaunen, das himself wirklich persönlich anwesend sei, wurde sofort von den restlichen Schreiberlingen aufgegriffen, die sich auch wunderten, dass Kaminer bei dem Budenzauber noch selbst zugegen sei, sich aber auch unisono einig wurden, dass Kaminer „völlig überbewertet“ werde. Nicht mehr wirklich zu solch profunder Kritik fähig, suchte ich die Garderobe, und beteuerte dort, mir sei „jetzt doch ein bisschen warm geworden und ich möchte meine Jacke und meine Tasche abgeben“. Auch dort ein mehr als ernster Blick: „Du, der ist gerade hier durchgegangen und hat ganz komisch geschaut.“ Finger weg vom Alkohol – ich hab Kaminer bis heute noch nicht gesehen. Er mich wohl schon. 

Ich weiß nicht, wie das ist mit der Projektion. Aber hin und wieder brat´ ich mir `nen Hahn und denk´ an Heiner Müller.


Juni 2005

       

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