paul vom hof: hüt dich, schön´s blümelein

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Ich habe schlecht geschlafen und kann die letzte Wendung des morgendlichen Traums nicht mehr nachvollziehen, als ich mich daranmache, mir die Haare aus dem Gesicht zu schaben. Es muss eine Kneipe gewesen sein, und die Bedienung trug Klaras Gesicht mit sich herum, sagte "Danke", "Bitte" und "Kommt gleich". Dann ist irgendetwas passiert. 

Ich verzeihe den Mund nach links, es kratzt, und mir fällt ein, was es war: eine Explosion. In der Küche oder hinter dem Tresen. Auf alle Fälle lag sehr viel Geschirr zwischen den Leichenteilen. Wahrscheinlich dieser britische Politthriller gestern Abend - ich bin da sehr empfänglich. Ich habe den Rasierpinsel ausgespült und gehe zum Telefon, Klara anzurufen.
 
Sie sei schon seit einer Stunde auf. Thai-Chi. Sie beginnt den Tag oft damit. Ob ich gut geschlafen hätte? Es ist schön mit ihr, denn ich muss die Frage nie mit einer Lüge bedenken. 
"Sehen wir uns heute Abend?" 
Ja, von ihrem Dienstplan seien zwei Leute weggestorben. 
"Halb acht bin ich zuhause. Und bring was originelles mit!"

Sie liebe mich, sagt sie noch, ich sie auch, wir quittieren, und als ich den Hörer auflege, fühle ich mich wach genug. Ich verlasse das Haus, werde um eine Mark gebeten, blicke in ein schmales Gesicht, Lidlöcher, sage "Nein", und denke wieder an Klara. Es ist schön mit ihr. 

Als ich den Buchladen betrete, steht Joachim im Schaufenster. Ich werde von einer Kundin angesprochen. 
"Andersch, Sansibar, oder so ähnlich. Schwarz und griechischer Verlag." 

Ich erinnere mich. Im letzten Kapitel glaubt der Pastor, die Salve aus seiner Trommelpistole könne die Trostlosigkeit der Welt durchbrechen. Und, dass sein Gott Ihn schießen lasse, weil sein Gott das Leben liebe. Ich muss es mir angestrichen haben und suche nun verglich nach einem Glanz in den Augen der Kundin. Sie fragt nach dem Preis, ich lese ihn ihr vor und wir werden einig. 

Ich werde Klara heute Abend fragen, ob sie die Stelle kennt. Das heißt nicht, dass wir uns über Literatur unterhalten werden. Wir tun das nie. Joachim und Gisela sind wandelnde Rezensionslexika, aber Klara stimmt mir zu, lehne ich Literatur oder Politik als Themen ab. Wir haben unser Thema, und ich bin mir sicher, die Geschichte in der Kneipe mit der Bombe wird ihr gefallen. 

Was das Träumen anbelangt, so hat Klara mich erst aufgeklärt. Es hat etwas gedauert, aber inzwischen kann ich mich an nahezu alle Details meiner Träume erinnern. Zunächst war es mir peinlich. Wir kannten uns erst ein paar Tage, und sie muss es mir angesehen haben. 
"Du hast mich sterben gesehen?" 
"Nicht direkt", sagte ich, von ihrer Beiläufigkeit überrascht und verlegen und, dass ich ich in den ersten warmen Nächten immer unruhig sei. 
Sie lachte kurz. 
"Wusstest du das wirklich nicht, das mit den Existenzträumen?" 

Seither erzählen wir uns gegenseitig. Alles. Klara sagt, das mit dem Tod, sei symbolisch zu verstehen. Die Menschen würden im Tötungsakt nur ihre Sehnsüchte kompensieren. Und deswegen sei es auch so wichtig, offen zu sein, dem eigenen Träumen gegenüber ehrlich. Nur über Träume könnten Menschen, und sie lächelte dabei, sich finden. Ihren früheren Freund habe sie einmal in einem durchlöcherten Fass in die Elbe gerollt. Daran sei die Beziehung dann auch gescheitert: Er sei zu verschlossen gewesen. 

Wir hingegen haben es inzwischen geschafft, aus der Art des jeweiligen Todes die Bedeutung für unsere Beziehung herauszulesen. So sind Stichwaffen patriarchal zu deuten, Gift und Ertrinken haben starke emotionale Komponenten, und Zerschmettern, erdrückt oder atomisiert zu werden, das ist komplizierter: entweder völlige Hingabe oder soziologisch-politischer Protest. Seit ich von den Stichwaffen weggekommen bin, haben wir zu einem neuen Rollenverständnis gefunden, und da wir es nun den "kleinen Tod" nennen, sind wir auch im Bett besser geworden. 

Joachim hat gerade das zweite Schaufenster in Arbeit und meint, die beiden Bände "Kommunikationswissenschaft und gesellschaftliche Praxis" wolle er nicht länger in der Auslage lassen; seit Wochen sei kein einziges weggegangen. Er stelle jetzt die Morrisson-Texte raus.  Jeder Mann wolle seinen Vater ermorden, hat Klara gesagt, als ich ihr die Geschichte mit dem Gartenhäcksler erzählte. 

Es wird schön werden heute Abend. Neben ihr einzuschlafen - wir werden zärtlich sein - und dann vielleicht die Kettensäge, oder auch gemeinsam, ein Autounfall oder ein Tandemfallschirm, wenn die Reißleine  klemmt. Wir werden zum Frühstück voneinander hören.  

8-7-94

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