paul vom hof: arles, vincent und sportjacken

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Arles - der Name ist Programm: hier hat sich Vincent das Ohr künstlerisch entfernt. Danach hat er es einer Frau, deren Name nicht wirklich in die Kunstgeschichte eingegangen ist, per Paket zukommen lassen. An den Kunsthochschulen der westlichen Hemisphäre würden sie heutzutage von Effekthascherei sprechen – kunsthandwerklicher solcher. Außerdem ist es nicht sonderlich appetitlich. Soweit ich es beurteilen kann. 

Gesehen habe ich es neulich im Kino: „Reservoir Dogs“ von Quentin Tarrentino, den ich inzwischen auch korrekt auszusprechen weiß. Gelernt habe ich diese Fertigkeit ganz nebenbei von jenen kurzgeschorenen und sport-bejackten Filmstudenten, die Tarrentino als die große Hoffnung des amerikanischen Kinos feiern. Sogar die Tante meiner Liebsten rief aus den Staaten an. Wobei die nicht kurzgeschoren ist, nicht Film studiert und keine Adidas-Jacken trägt. Und meine Liebste hat Tarrentinos „Pulp Fiction“ mit halblautem „Tschuldigung, geht nicht!“ verlassen, um sich im Kino-Foyer dem Whisky hinzugeben. Aber das nur am Rande – bei Whisky und Hingabe helfe ich ja auch gern. 

Zurück zu den knapp behaarten und einheitlich bestreiften Tarrentino-Fans, gegen die ich im Grunde nichts vorzubringen habe. Trotz meiner langen Haare. Auch teile ich die Hoffnung bezüglich des US-amerikanischen Kinos – was bleibt sonst. Im Grunde bin ich froh über das stets laute und schrille Lachen der Stoppeljünger just in den Momenten, in denen die Freiwillige Selbstkontrolle auch den Bundesgrenzschutz zur Notsprengung der Leinwand schicken könnte. Besonders denke ich an die Szene, in der ein sehr gut aussehender aber auch sehr psychopathisch wirkender Gangster einem Polizisten das Ohr mit einem Rasiermesser entfernt. Der Wahrheit wegen – oder so. 

Das Lachen hilft auch über den akustischen Minimalismus der Szene hinweg: dem erwähnten Polizisten wurde vor der Prozedur noch der Mund mit bestem Textilband verklebt. Für den deutschen Synchronsprecher wohl eine wahre Herausforderung. Und der Soundtrack liefert zu dieser Szene herzallerliebste Musik. 

Tarrentino trägt sein Haupthaar übrigens halblang. Meine Liebste habe ich zu „Reservoir Dogs“ nicht mehr mitgenommen - Kino-Foyers mit Filmen in Originalfassung führen meist nur furchtbar teuren Whisky.

Das mit Vincents Paketzustellung taucht bei Lynch wieder auf. Dort ist der Adressat allerdings keine Frau sondern ein gutmütiger Polizist - recht so!  Lynch heißt mit Vornamen David, und stellte auch eine Hoffnung dar, wie mir ein befreundeter Bassist erklärte. „Quentin“ finde ich wesentlich interessanter als „David“ - klanglich zumindest. 

Was gibt es sonst noch zu Arles zu sagen? Die antike Arena ist mit Eintrittskarten belegt, und sieht wohl aus, wie jede andere Arena auch. Ich war noch in keiner und habe mir auch diese hier gespart.

Die Kommunisten haben ihr Büro direkt am Marktplatz und der Bürgermeister lässt seine Reden in zwölfseitig gedruckter Form in den Cafés auslegen. Er sei Sozialist, schreibt er, mache sich Sorgen wegen Le Pen und dessen Front National und wünsche uns noch eine nette Zeit. Löblich, all das. Des Weiteren fährt hier jede halbe Stunde eine Miniatur-Eisenbahn auf Gummireifen fröhliche Touristen um den Marktplatz und die Kellner haben tätowierte Unterarme. 

Vincent hat sich hier das Ohr abgeschnitten. Dass er nicht ganz richtig im Kopf war, ist bekannt und „ganz richtig“ längst widerlegt. Insofern hat er nur die Form dem Inhalt angepasst – würde zumindest Marion sagen. Von Marion kenne ich außer dem Vornamen nur noch ihren Künstler-Freund. Dessen Namen habe ich allerdings vergessen. Jedenfalls erboste sich Marions Freund auf der Rückfahrt von der Tony-Marshal-After-Show-Party, wo ich als Kabelträger mein Geld verdiene, über das rote Jackett des Produzenten. „Form und Inhalt“ waren seine Anhaltspunkte und Marion hatte genau dazu auch etwas zu sagen. Widersprüchliches zwischen den beiden Polen war ihr Ansatz, ihr Freund brachte das Rot der Produzentenklamotte nicht mit dessen Inhalt zusammen. Gewonnen hat für mich - vom Rücksitz aus - Marion. Wegen der Adidas-Streifen auf ihrer Jacke, ihrer kurzen Haare. Und nett war sie dazu auch noch. 

Nach dem zweiten Pastis beginnt die Meerjungfrau auf dem Unterarm des Kellners, mir seltsam verwandt zuzulächeln und mir in der Frage nach Form und Inhalt Recht zu geben. Die lustigen Touristen rollen wieder vorbei und Vincent ist hier auch nicht alt geworden. 

Arles, September 1995

       

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